Seit langem schon gehört es zum guten Ton, das Ende der französisch-deutschen Verständigung
vorherzusagen. An Schwierigkeiten, Reibungen, Verständnislosigkeiten mangelt es nicht in einer Beziehung,
der man nachsagt, sie sei auf Mißverständnissen gegründet. Der Deutsch-Französische Vertrag
von 1963 markiert eine vorrangige Beziehung zwischen zwei Männern und zwischen zwei Staaten, deren
außenpolitische Ziele dennoch grundlegend verschieden waren. De Gaulle begriff das französisch-deutsche
Bündnis ein wenig als Ersatz für die weltpolitische Rolle, die Frankreich 1958 - als es ein
französisch-britisch-amerikanisches Welttriumvirat forderte - nicht für sich beanspruchen konnte,
und für eine europäische Rolle, welche die anderen fünf Mitglieder der Gemeinschaft abgelehnt
hatten, indem sie die zwei von Frankreich eingebrachten Fouchet-Pläne zurückwiesen. Adenauer verstand
sich als Europäer, aber die deutschen Verfechter des atlantischen Bündnisses nötigten ihn zu
größerer Distanz. Nichtsdestoweniger stand dieser Vertrag am Beginn mehrerer Jahrzehnte einer
französisch-deutschen Verständigung, einer Verständigung zwischen Staaten und Gesellschaften.
Am Ende dieses Jahrzehnts beunruhigen weniger Mißverständnisse und Reibungen als die Lücken:
das Fehlen eines Rüstungsprogramms, das Ausbleiben großer Projekte, das Nichtvorhandensein eines
Einverständnisses zwischen den beiden Staats- und Regierungschefs... Es ist ein wenig so, als
verflüchtige sich die französisch-deutsche Verständigung. Handelt es sich hierbei um ein
Erlahmen, um das Ende von etwas Außerordentlichem, und wo liegen die Gründe dafür?
Anne-Marie Le Gloannec*
Stellvertretende
Direktorin des centre Marc-Bloch
Aus dem Französischen übersetzt von
Lore Reimann
* 1994-1997 Professorin an den Instituts d'Études Politiques in Lille und Paris; Forschungsleiterin bei der Nationalen Stiftung für Politische Wissenschaften (Fnsp) / Zentrum für Internationale Studien und Forschung (Ceri) und Stellvertretende Direktorin des centre Marc-Bloch. Letzte Veröffentlichung: (Hg.): Entre union et nation: L'État en Europe. Paris, Presses de Sciences Po, 1998.