Das Stichwort »Sozialpolitik« führt dabei unmittelbar in die Gegenwart und
überschreitet den Rahmen binneneuropäischer Kooperationen. Weltweit besteht die größte
intellektuelle und gesellschaftliche Herausforderung heute in der dringend notwendigen Repolitisierung der
Ökonomie, d. h. in Versuchen, zu einer demokratisch verfaßten Kontrolle des Weltmarktes und der
internationalen Finanzströme zu kommen. Auch hier sehe ich für eine deutsch-französische
Kooperation besondere Chancen. Die Gefahr liegt dabei in einer aus der aktuellen Situation gespeisten
Überpolitisierung eines solchen Programms, das deutlich anti-amerikanische Züge tragen würde.
Diese Gefahr liegt umso näher, als man sich ja intellektuell ebenso eindeutig von »Chicago«,
also dem verantwortungslosen Neoliberalismus, wie politisch ebenso eindeutig von »Washington«,
also der Ideologie des Weltmacht-Monopolismus, entfernen möchte.
Gerade in
deutsch-französischer Kooperation dürfte heute der Versuch zu einer Repolitisierung der
Ökonomie nicht rückwärtsgewandt sein, wie es in den zwanziger und dreißiger Jahren
der Fall war, als der Anti-Amerikanismus in Deutschland und Frankreich nicht nur die Rechte einte und man
in beiden Ländern genau zu wissen glaubte, welcher Nationalität der verhaßte homo
oeconomicus war: Er war ein Yankee15. Mit anderen Worten: Das Stichjahr eines solchen
deutsch-französischen Projekts sollte 1989 sein - und nicht 1968. Auch sollte man sich - auf diese
Gefahr hat François Furet eindringlich hingewiesen - davor hüten, erneut den Versuch zu machen,
die Unversöhnlichkeit von Kapitalismus und Demokratie zu behaupten.
Die Frage, die sich heute
dringend stellt, ist die nach einem Kapitalismus, der seiner sozialen Verantwortung gerecht wird. Es ist
die Frage nach der sozialen Marktwirtschaft. Hier könnten die deutschen Nachkriegserfahrungen mit
dem »rheinischen Kapitalismus« und die höhere Mobilisierungsbereitschaft französischer
Intellektueller für sozialpolitische Fragen in einen fruchtbaren Diskussionszusammenhang gebracht
werden. Entscheidend wichtig wäre dabei wiederum die Einsicht, daß aus Ressentiment gespeiste
moralische Appelle in der Regel nicht ausreichen dürften, um die Wirtschaft in eine größere
sozialpolitische Verantwortung zu zwingen. Erfolgversprechender ist, das zeichnet sich schon heute ab, das
Plädoyer für eine Sozialpolitik, die sich rechnet. Europa sollte weiter auf einem Weg
voranschreiten, der zeigt, daß im Zeitalter der Globalisierung der Wohlfahrtsstaat wirtschaftlich
keinen Wettbewerbsnachteil, sondern auf lange Sicht sogar einen Wettbewerbsvorteil bedeutet16.
Der ausgebaute Wohlfahrtsstaat ist die binnenwirtschaftliche Voraussetzung für die erfolgreichen
Teilnahme am Weltmarkt.
Ich komme abschließend zum Plädoyer für die Bildung von
Lerngemeinschaften zwischen den Kulturen. Ich wiederhole es auch hier, denn die zugrundeliegende Idee
halte ich für richtig und wichtig. Wir leben in einer Zeit der großen, offenen Fragen. Wir
haben keineswegs nur - man muß dem Bundespräsidenten auch einmal widersprechen -
Umsetzungsprobleme, wir haben Erkenntnisprobleme. Geht der Arbeitsgesellschaft die traditionelle
Erwerbsarbeit aus? Wie wird die Wissensgesellschaft der Zukunft aussehen?
Unter welchem Zeitregiment
werden wir in Zukunft leben, wenn sich herausstellt, daß neben die traditionelle Arbeits- und
Freizeit eine soziale Zeit treten muß, in der sich jeder für die Gemeinschaft sorgt? Was kann
unsere Gesellschaften künftig noch zusammenhalten? Die Krise der Moderne drückt sich in diesen
Fragen aus, und sie betreffen die Europäer deshalb besonders stark, weil sie kulturelle
Selbstverständlichkeiten attackieren, die ihren Ursprung auf unserem alten Kontinent haben.
Viel wird in der Weltgesellschaft davon abhängen, daß sich zwischen den Kulturen zunehmend
Lerngemeinschaften herausbilden und dadurch die gemeinsamen Innovationspotentiale wachsen. Aus der
Erfahrung nach dem zweiten Weltkrieg wissen gerade wir Deutschen, welche entscheidende Rolle die
Lerngemeinschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa oder innerhalb Europas zwischen Deutschland
und Frankreich gespielt hat. Umgekehrt sind nach 1989 große Chancen vertan worden, weil - nicht
zuletzt in Deutschland - der Westen sich in eine Belehrungsorgie steigerte, statt sich angesichts der
neuen, unerhörten Herausforderungen in Wirtschaft und Politik auf ein gemeinsames Lernen mit dem
Osten einzulassen. Die Industriegesellschaften des Westens, die sich zu lange in der Rolle von
Belehrungskulturen gefielen, müssen wieder zu Lernkulturen werden. Auch wenn die entscheidende
Frage lautet, ob es zwischen nicht-westlichen und westlichen Ländern zur Bildung solcher
Lerngemeinschaften kommen wird, bleibt die deutsch-französische Lerngemeinschaft innerhalb Europas
und für den Kontakt Europas mit der Welt von herausragender Bedeutung.
In der verstärkten
Kooperation unserer lokalen Wissenskulturen liegt eine entscheidende Aufgabe für die Zukunft.
Besonders fruchtbar sind solche Lerngemeinschaften stets dann, wenn sie Differenzen nicht vorschnell
überspielen, sondern kulturgeprägte Unterschiede auf intelligente Weise nutzen. In diesem
Zusammenhang ist der Hinweis auf die Sprachförmigkeit von Kultur unabdingbar. In beinahe jeder
französischen Publikation zum Thema »Kulturpolitik« ist, wenn die Rede auf die Zukunft
kommt, die Prioritätensetzung klar: »Premier terrain: la langue.17«
Ich halte diese Prioritätensetzung für richtig18.
Zugleich glaube ich, daß die heute am meisten bedrohte Sprache das Englische ist - weil jeder
auf der Welt glaubt, sie zu sprechen, ohne zu ahnen, daß sein Gestammel mit dem Idiom eines Charles
Dickens oder Thomas Hardy auch nicht das geringste mehr zu tun hat. Der Kampf gegen das »broken
English« ist auch wegen dieser globalen Selbsttäuschung längst verloren. Die Zeiten werden
nicht wiederkommen, in denen Julien Benda, dieser Liebhaber der Latinität und Feind jeden
Nationalismus, in seinem 1933 geschriebenen Discours à la nation européenne
wie selbstverständlich fordern konnte, die Sprache des vereinten Europa müsse das
Französische sein.
Ich habe an anderer Stelle vorgeschlagen, im Englischen eine zweite
Muttersprache zu sehen 19 - und ich möchte diesen Vorschlag heute nur terminologisch
verändern. Im Zeitalter von e-Mail und Internet wird auf der ganzen Welt jedes Kind bald eine
Muttersprache und eine, wie ich sie einmal nennen will, »Kumpelsprache« lernen: ein Idiom,
das »Englisch« genannt wird. Mit diesem Idiom kann keine Muttersprache der Welt, mit
ihm können auch Deutsch und Französisch nicht konkurrieren. Aber Deutsche und Franzosen
sollten alle Anstrengungen unternehmen, um ihre Muttersprachen in möglichst vielen Ländern
zur ersten Fremdsprache werden zu lassen, sie sollten dabei fair miteinander konkurrieren und sich
wechselseitig eine sprachliche Meistbegünstigungsklausel gewähren. Wer von der notwendigen
Aufrechterhaltung kultureller Differenzen überzeugt ist, muß energisch für eine
stärkere Förderung der Fremdsprachen, und das heißt in Deutschland auch: er muß
energisch für eine stärkere Förderung des Französischen plädieren. Darin steckt
keine kulturhistorische Sentimentalität, sondern die feste Überzeugung, daß im Zeitalter
der Globalisierung für die Beantwortung der entscheidenden Zukunftsfragen die Koalition der Kulturen,
und das heißt auch: die Koalition der verschiedenen Sprachen von herausragender Bedeutung ist.
Deutsche und Franzose verspielen die Chancen einer solchen großen Sprachenkoalition auch dadurch,
daß sie - in miteinander geteilter, intellektueller Faulheit - bei bilateralen Treffen in der Regel
nach der Methode des kleinsten gemeinsamen Nenners verfahren und in scheußlichem Englisch miteinander
parlieren.
Im zusammenwachsenden Europa stehen wir heute vor der Notwendigkeit, eine europäische
Öffentlichkeit herzustellen, in der die dringenden Probleme des Kontinents über Länder-
und Sprachgrenzen hinweg gemeinsam diskutiert werden. Dazu muß nicht zuletzt die
»Exekutivlastigkeit« (Dieter Grimm) der Europäischen Union korrigiert werden. Eine
Parlamentarisierung, d. h. Demokratisierung der europäischen Gremien und Instanzen tut dringend
not. Dazu gehört auch eine stärkere Einmischung der Intellektuellen in die Politik. Hier
können wir von den Franzosen lernen. In Frankreich waren auch die philosophes stets
Alltags-Anthropologen, die sich nicht scheuten, »sur le terrain« zu arbeiten. Für
die meisten deutschen Intellektuellen ist bis heute die Politik ein zu weites Feld geblieben; tatenarm
und gedankenvoll pflegen sie eine Tradition der distanzierten Besserwisserei. Wir haben viele
hochmütige Heroen der Selbstreflexion, aber kaum jemanden, der sich einmischt.
Nicht ohne
Ironie schrieb Paul Valéry einmal: »J'ai besoin d'un Allemand qui acheverait mes
idées.« Uns Deutschen tut es gut, zu bedenken, wie sehr wir, um die Vereinigung Europas
zu vollenden, unsere französischen Nachbarn nötig haben.
15 Das französische Manifest dieses Anti-Amerikanismus ist Robert Arons und Arnaud
Dandieus Pamphlet
Le Cancer Américain, Paris (Éditions Riéder) 1931.
Vgl. zu dieser Problematik Jean-Louis Loubet del Bayle,
Les Non-Conformistes des années trente.
Une tentative de renouvellement de la pensée politique française,
Paris (Éditions du Seuil) 1969.
16 Vgl. Stephan Leibfried und Elmar Rieger, »Die sozialpolitischen Grenzen der
Globalisierung«,
Politische Vierteljahresschrift 38 (1997), Heft 4, S. 771-796.
17 Dominique Bocquet,
La France et l'Allemagne. Un couple en panne d'idées, op.
cit., S. 49.
18 Am besten dazu Harald Weinrichs Vortrag beim Jenaer Romanistentag: »Von der
schönen fremden Freiheit der Sprachen. Die sachliche Würde der Langsamkeit -
Ökonomisch-ökologische Betrachtungen zur Lage der Romanistik«,
Süddeutsche
Zeitung Nr. 228, 4./5. Oktober 1997.
19 Wolf Lepenies, »Anmerkungen zur auswärtigen Bildungspolitik«,
Bildungsforum
der Berliner Universitäten, 5. November 1997, abgedruckt mit dem Titel »Staat machen
mit auswärtiger Bildungspolitik«, in: Michael Rutz (Hg.),
Aufbruch in der Bildungspolitik.
Roman Herzogs Rede und 25 Antworten, München (Goldmann) 1997, S. 148-155.