Rechthaberei und sensibilität.
Man mag es kaum für einen Zufall halten, daß
zeitgleich mit dem Prozeß Papon in Frankreich die Veröffentlichung des Livre noir du Communisme,
des Schwarzbuchs des Kommunismus, erfolgte.1 Aus deutscher Sicht ergibt sich damit die
Möglichkeit, »unseren« eigenen »Historikerstreit« in eine vergleichende Perspektive
zu rücken. In Frankreich entfachte das Schwarzbuch Auseinandersetzungen von solcher Heftigkeit, daß
sofort von einer »querelle française« die Rede war. Wieder einmal betonten Franzosen und
Deutsche die Besonderheit ihrer nationalen Debatten, während gerade deren Vergleich und deren
Zusammenschau in einem größeren europäischen Zusammenhang die entscheidenden Einsichten
zu liefern vermochte.
Für die Heftigkeit des innerfranzösischen Streits lassen sich
verschiedene Ursachen anführen. Die erste ist allgemeiner Natur: die französische Intelligentsia ist
nun einmal leicht erregbar und verfügt über eine nicht zu unterdrückende Fähigkeit, sich im
Streit über jedes beliebige Thema aus dem Stand heraus in miteinander verfeindeten chapelles zu
organisieren. In Frankreich gewinnt darüber hinaus die Abrechnung mit dem Leninismus-Stalinismus
und seinen Folgen eine besondere Schärfe, weil hier als einzigem demokratischen Land noch die Kommunisten
an der Regierung beteiligt sind. Schließlich steht die französische Geschichte selbst vor Gericht,
wenn behauptet wird, daß die radikale Abrechnung mit dem Kommunismus nicht nur die große
Oktoberrevolution als ein verbrecherisches Komplott entlarve, sondern damit auch die »Mutter aller
Revolutionen«, die Französische Revolution von 1789, entlegitimiere2.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der deutsche Historikerstreit neue Konturen und Nuancen. In einer
längeren Fußnote seines späten Hauptwerks Le Passé d'une illusion. Essai sur
l'idée communiste au XXe siècle hatte sich François Furet bekanntlich
mit den Thesen Ernst Noltes in kritischer Zustimmung auseinandergesetzt. Er rechnete es Nolte als Verdienst an,
ein Tabu gebrochen zu haben, als er sich nicht an das Verbot hielt, zwischen Kommunismus Kultur als Revanche -
dieses heimliche, bis heute virulente Motiv deutsch-französischer Beziehungen verlangte in beiden
Ländern stets Rechtfertigung oder Tarnung von jenen, die Grund hatten, mit dem »Erbfeind« zu
paktieren. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, die er im ersten Weltkrieg schrieb, hat Thomas
Mann in der Auseinandersetzung mit Heinrich Mann, dem »Zivilisationsliteraten«, die
deutsch-französische Kulturkonkurrenz als unvermeidlichen Bruderzwist im europäischen
Haus enthüllt.
Gerade deshalb bildeten sich zwischen unseren beiden Nationen oft geistige
Wahlverwandtschaften von schmerzender Intensität heraus. Aber es waren in den Jahren vor dem Zweiten
Weltkrieg nicht genügend Deutsche, es waren zu wenige Franzosen, die die Hoffnung teilten, durch die
Vereinigung Frankreichs und Deutschlands würden Europa und die Welt erlöst werden.
Heute ist die deutsch-französische Freundschaft Wirklichkeit geworden. Wir brauchen nicht
zu befürchten, aus einem Traum zu erwachen. Aber wir sollten diese Freundschaft auch nicht für eine
Selbstverständlichkeit halten, eine Art von politischem perpetuum mobile, das die europäische Einigung
automatisch vorantreibt, ohne daß wir noch allzuviel Energie dafür aufbringen müßten.
Durch vielhundertjährige Entfremdung, schrieb Annette Kolb, Tochter einer französischen Mutter und
eines deutschen Vaters, habe sich zwischen Deutschen und Franzosen ein unparadiesischer Stand der
Unschuld ergeben: sie seien derart verschieden, daß sie es nicht einmal merkten. Nach Jahrzehnten
der Kooperation laufen Deutsche und Franzosen heute Gefahr, das Ausmaß und die Tiefe ihrer
Verständigung zu überschätzen. Die deutsch-französischen Beziehungen drohen, zum
Opfer ihres eigenen Erfolges und des Fortschreitens der Geschichte zu werden.
Von diesen Befund ausgehend,
skizziere ich im folgenden einige Vorschläge für eine neue Funktionsbestimmung der
deutsch-französischen Beziehungen. Ausdrücklich spreche ich nicht von »Erneuerung«
oder »Auffrischung«, weil ich der Meinung bin, daß die Schwäche der Beziehungen
zwischen unseren beiden Ländern seit langem in ihrer Selbstbezüglichkeit liegt. Nach dem Fall
des Kommunismus und an der Schwelle zum neuen Jahrhundert aber können die deutsch-französischen
Beziehungen kein Selbstzweck mehr sein. Ihre Rolle muß im Blick auf das weiter zusammenwachsende
Europa und eine Welt unter dem Druck der Globalisierung neu bestimmt werden.
Zunächst plädiere
ich für eine Entroutinisierung der deutsch-französischen Beziehungen. Diderot beschrieb es
einmal als die Aufgabe der Philosophie, das Staunen aufzuheben - zur Philosophie der deutsch-französischen
Beziehungen heute muß es gehören, wieder staunen zu lernen. Wir müssen erkennen, daß sich -
um das schöne, paradoxe Wort von Claude Lévi-Strauss aufzunehmen - nicht unsere Ähnlichkeiten
ähneln, sondern unsere Unterschiede.
Wir müssen erneut lernen, unsere Differenzen ernstzunehmen, um aus ihnen produktive Motive
gemeinsamen Handelns zu entwickeln. Immer wieder gilt es daran zu erinnern, daß im 18. Jahrhundert
Rousseau wie auch Herder nicht jubelten, sondern einen Warnruf ausstießen: »Il n'y a que des
Européens!« Wenn es eines Tages nur noch Europäer gibt, wird es kein Europa mehr geben.
Auf dem Feld der Politik heißt dies für Deutsche wie für Franzosen, auch nach Jahrzehnten
erfolgreicher Zusammenarbeit das Gewicht ihrer nationalen »Geschichten« nicht zu unterschätzen.
Daß die Geschichte alles andere ist als das nun einmal Geschehene und damit Abgetane, sondern daß sie
eine miteinander geteilte Erfahrung ist und damit ein aktueller oder jedenfalls abrufbarer Handlungsantrieb, hat
sich in jüngster Zeit gerade in den deutsch-französischen Beziehungen gezeigt. Welche Gefahren, aber
auch welche Chancen für unsere beiden Völker damit verbunden sind, will ich am Beispiel des
Schwarzbuch des Kommunismus verdeutlichen.

1 Stéphane Courtois u. a., Le Livre noir du communisme. Crimes, terreur, répression,
Paris (Robert Laffont) 1997.
2 Hierzu und im folgenden vgl. Luc Rosenzweig, »Le bilan du communisme, autre exception
française«, Le Monde, Mardi 23 décembre 1997, S. 13. Daß sich in einer solchen
exklusiven Charakteristik der Französischen Revolution ein leiser Anti-Amerikanismus verbirgt, sei
beiläufig bemerkt.
3 François Furet, Le Passé d'une illusion. Essai sur l'idée communiste
au XXe siècle, Paris (Robert Laffont/Calmann-Lévy) 1995, S. 270-272.
4 François Furet et Ernst Nolte, »Sur le fascisme, le communisme et l'histoire du XXe
siècle«, Commentaire 79 (Herbst 1997), S. 559-576.
5 »Il y a pas mal de Slave chez l'Allemand et la pression du communiste tout proche a
produit une réaction de la même intensité et d'un caractère tout
homothétique«. Pierre Drieu la Rochelle, Mesure de la France suivi de Écrits
1939-1940, Paris (Éditions Bernard Grasset) 1964, S. 182. Die Nationalsozialisten hätten sich
eine solche Behauptung, die ihre Bewegung zu reinen Reaktion abstempelte, verbeten. Wie Furet nicht müde
wird, zu betonen, richtete sich ihr Antisemitismus gegen eine lange vor der Machtübernahme der Bolschewisten
existierende bürgerlich-liberale Welt, die in ihren Augen vom »Judentum« gelenkt wurde.
Außerdem spielten die Frontkämpfer-Enttäuschungen des Ersten Weltkriegs und die Reaktion auf
das »Diktat« von Versailles eine entscheidende Rolle. »Europa riecht französischer denn je,
und wo sonst in der Welt noch Gestank ist, ist es derselbe penetrante der französischen Krankheit. Einer
ihrer Fanfarons hat in diesen Tagen geschrieben, wie einst Rom der Welt die pax Romana aufgezwungen habe,
müsse Frankreich seinen Frieden mit seiner glorreichen Armee durchsetzen. Also wird in den
nächsten Jahrzehnten der morbus Gallicus Blut und Knochen Europas vollends verseuchen. Denn es wäre
verbrecherisch und dumm von uns, uns auch nur der geringsten Illusion darüber hinzugeben, daß die von
Schmutz und Aas starrende Seele Frankreichs eher zur Ruhe kommen könnte, als bis sie sich völlig
entleert hat.« Theodor Haecker, »Nachtrag zu ðVersaillesÐ «, Der Brenner,
Siebte Folge/Erster Band (Frühling 1922), S. 19.
6 Benito Mussolini, Der Geist des Faschismus. Ein Quellenwerk, herausgegeben und erläutert
von Horst Wagenführ, München (C.H. Beck) 1943, S. 19. Für Maurras ist die »Révolution
dite française« das Datum, mit dem die Denaturierung des lateinischen Geistes beginnt. Die
verhaßte Demokratie ist protestantischen oder jüdischen, semitischen oder germanischen
Ursprungs, »lateinisch« kann sie schlechterdings nicht sein. Charles Maurras, Quand les
Français ne s'aimaient pas. Chronique d'une renaissance 1845-1905, Paris (Nouvelle Librairie
Nationale) 1916, S. 124, 143-145. Nach dem Ersten Weltkrieg trägt die latinité überall in
Europa zum Wiedererstarken der Rechten bei. Der deutsche Nationalsozialismus, der davon profitiert, begeht in
den Augen von Maurras politisch-intellektuellen Diebstahl.
7 Fritz Stern, Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in
Deutschland, Bern/Stuttgart/Wien (Scherz) 1963.
8 Herausragendes Beispiel dafür sind die auf Initiative von Pierre Nora ins Bewußtsein
eines großen Publikums gerückten »Erinnerungsorte«. Pierre Nora (Hg.), Les
Lieux de mémoire, 3 Bde., Paris (Gallimard) 1984, 1986, 1993.
9 Ich entnehme dieses Beispiel und die Anregung zum oben skizzierten Gegensatz zweier
historiographischer Temperamente dem vorzüglichen, knapp und überzeugend argumentierenden
Essay von Étienne François, »Rapport à l'histoire«, in: Jacques Leenhardt
und Robert Picht (Hg.), Au Jardin des malentendus. Le commerce franco-allemand des idées.
Nouvelle édition augmentée et actualisée, Arles (Actes Sud) 1997, S. 17-24.
10 Jorge Semprun u. a., »Ansprachen aus Anlaß der Verleihung«, Friedenspreis des
Deutschen Buchhandels 1994, Frankfurt a.M. (Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V) 1994.
11 »La difficulté présente vient de ce qu'il n'y a plus, aujourd'hui, de
joker: il n'existe plus, au Sud, de réserve...«. Dominique Bocquet, La France et
l'Allemagne. Un couple en panne d'idées, Paris (Notes de la Fondation Saint-Simon),
Februar-März 1996, S. 15.