Publications et écrit

 Retour à la liste


Frankreich-Deutschland / Vergangenheit und Zukunft des deutsch-französischen Beziehungen
 

 précédent | suivant 

Kultur, freundschaft und routine.

In ihrer gemeinsamen Geschichte verbindet Frankreich und Deutschland eine lange Kette von Kompensationen, in denen Kulturleistungen die Schmach verlorener Kriege tilgen sollten - so militant, daß in beiden Ländern der neue Krieg oft genug auf dem Feld der Kultur vorausgeahnt und vorbereitet wurde. Dies gilt für Deutschland nach der verlorenen Schlacht von Jena und Auerstedt, dies gilt für Frankreich nach der Niederlage von Sedan. Es gilt für das Deutschland nach Versailles.

Daß es weit weniger für jenes Frankreich galt, das 1940 Hitlers Blitzkrieg erlag, ist für die Franzosen bis heute ein Stachel in ihrer Erinnerung an die étrange défaite. Die Erschöpfung Frankreichs zeigte sich damals in seiner defensiven Geistespolitik noch deutlicher als im militärischen Bereich, und die langanhaltende Verdrängung des wahren Ausmaßes der collaboration in Frankreich rührt nicht zuletzt von der als beschämend empfundenen Einsicht her, daß nach der Kapitulation die französische Kultur im Zeichen Vichys, dieser »mélange de terreur blanche, de bibliothèque rose et de marché noir«, wie Brunschvicg sie einmal nannte, zum Aufbau eines wirksamen Revanchepotentials nicht mehr in der Lage war.

Kultur als Revanche - dieses heimliche, bis heute virulente Motiv deutsch-französischer Beziehungen verlangte in beiden Ländern stets Rechtfertigung oder Tarnung von jenen, die Grund hatten, mit dem »Erbfeind« zu paktieren. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, die er im ersten Weltkrieg schrieb, hat Thomas Mann in der Auseinandersetzung mit Heinrich Mann, dem »Zivilisationsliteraten«, die deutsch-französische Kulturkonkurrenz als unvermeidlichen Bruderzwist im europäischen Haus enthüllt.

Gerade deshalb bildeten sich zwischen unseren beiden Nationen oft geistige Wahlverwandtschaften von schmerzender Intensität heraus. Aber es waren in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg nicht genügend Deutsche, es waren zu wenige Franzosen, die die Hoffnung teilten, durch die Vereinigung Frankreichs und Deutschlands würden Europa und die Welt erlöst werden.

Heute ist die deutsch-französische Freundschaft Wirklichkeit geworden. Wir brauchen nicht zu befürchten, aus einem Traum zu erwachen. Aber wir sollten diese Freundschaft auch nicht für eine Selbstverständlichkeit halten, eine Art von politischem perpetuum mobile, das die europäische Einigung automatisch vorantreibt, ohne daß wir noch allzuviel Energie dafür aufbringen müßten. Durch vielhundertjährige Entfremdung, schrieb Annette Kolb, Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters, habe sich zwischen Deutschen und Franzosen ein unparadiesischer Stand der Unschuld ergeben: sie seien derart verschieden, daß sie es nicht einmal merkten. Nach Jahrzehnten der Kooperation laufen Deutsche und Franzosen heute Gefahr, das Ausmaß und die Tiefe ihrer Verständigung zu überschätzen. Die deutsch-französischen Beziehungen drohen, zum Opfer ihres eigenen Erfolges und des Fortschreitens der Geschichte zu werden.

Von diesen Befund ausgehend, skizziere ich im folgenden einige Vorschläge für eine neue Funktionsbestimmung der deutsch-französischen Beziehungen. Ausdrücklich spreche ich nicht von »Erneuerung« oder »Auffrischung«, weil ich der Meinung bin, daß die Schwäche der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern seit langem in ihrer Selbstbezüglichkeit liegt. Nach dem Fall des Kommunismus und an der Schwelle zum neuen Jahrhundert aber können die deutsch-französischen Beziehungen kein Selbstzweck mehr sein. Ihre Rolle muß im Blick auf das weiter zusammenwachsende Europa und eine Welt unter dem Druck der Globalisierung neu bestimmt werden.

Zunächst plädiere ich für eine Entroutinisierung der deutsch-französischen Beziehungen. Diderot beschrieb es einmal als die Aufgabe der Philosophie, das Staunen aufzuheben - zur Philosophie der deutsch-französischen Beziehungen heute muß es gehören, wieder staunen zu lernen. Wir müssen erkennen, daß sich - um das schöne, paradoxe Wort von Claude Lévi-Strauss aufzunehmen - nicht unsere Ähnlichkeiten ähneln, sondern unsere Unterschiede.

Wir müssen erneut lernen, unsere Differenzen ernstzunehmen, um aus ihnen produktive Motive gemeinsamen Handelns zu entwickeln. Immer wieder gilt es daran zu erinnern, daß im 18. Jahrhundert Rousseau wie auch Herder nicht jubelten, sondern einen Warnruf ausstießen: »Il n'y a que des Européens!« Wenn es eines Tages nur noch Europäer gibt, wird es kein Europa mehr geben.

Auf dem Feld der Politik heißt dies für Deutsche wie für Franzosen, auch nach Jahrzehnten erfolgreicher Zusammenarbeit das Gewicht ihrer nationalen »Geschichten« nicht zu unterschätzen. Daß die Geschichte alles andere ist als das nun einmal Geschehene und damit Abgetane, sondern daß sie eine miteinander geteilte Erfahrung ist und damit ein aktueller oder jedenfalls abrufbarer Handlungsantrieb, hat sich in jüngster Zeit gerade in den deutsch-französischen Beziehungen gezeigt. Welche Gefahren, aber auch welche Chancen für unsere beiden Völker damit verbunden sind, will ich am Beispiel des Schwarzbuch des Kommunismus verdeutlichen.