Nicht nur das Erinnern, auch das kluge Vergessen - Harald Weinrich hat darauf aufmerksam gemacht - ist
eine Kunst. Die Vergeßlichkeit aber bleibt im Alltag ein Laster und in der Politik eine Gefahr. Ich
erinnere an den Glücksfall der europäischen Geschichte in diesem Jahrhundert: die zur Freundschaft
gewordene Aussöhnung der Deutschen und der Franzosen, die unseren Eltern noch als unmöglich, unseren
Großeltern als unvorstellbar erschienen wäre. Daran zu erinnern, ist umso notwendiger, als sich
hinter der Routine der deutsch-französischen Beziehungen Verunsicherungen zwischen unseren beiden
Ländern verstärken, die den europäischen Einigungsprozeß nicht unberührt lassen.
Wolf Lepenies*
Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin
* Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin, Rektor des Wissenschaftskollegs
zu Berlin, Kuratoriumsvorsitzender des Collegium Budapest. 1991-1992 Europäischer Lehrstuhl des
Collège de France, Ehrendoktorwürde der Sorbonne. Letzte Veröffentlichung: Sainte-Beuve.
Auf der Schwelle zur Moderne. München, Hanser, 1997.
Dieser Aufsatz stützt sich auf Gedanken, die in einem Tortrag vor der Carl Friedrich von Siemens Stiftung München am 11. März 1998 ausgeführt wurden.