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Frankreich-Deutschland / Verflochtene Geschichte, geteilte Erinnerung
 

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Das gemeinsame erbe ermessen.

Der Erfolg der seit etwas mehr als fünfzig Jahren erstrebten deutsch-französischen Versöhnung war so ungewöhnlich groß, daß man fast die Bedingungen vergessen hat, unter denen sie begann, die Vielzahl von Bemühungen und die Wunder an Begeisterung und Willen, die sie möglich machten, die wahre Revolution der Meinungen und Verhaltensweisen, die sie bewirkte. Sie hat nunmehr das natürliche Aussehen der Dinge angenommen, die selbstverständlich zu sein scheinen, so daß man schließlich für einen Gemeinplatz hält, was in Wirklichkeit einer scheinbar unausweichlichen Fatalität abgerungen wurde. Um dieser einmaligen Beziehung - in der Geschichte wie in der Gegenwart - neues Leben und neuen Sinn zu geben, sollten wir da nicht vorrangig genau zu ermessen trachten, welches vielfältige und gegensatzreiche Erbe auf uns gekommen ist? Dank ihrer ineinandergreifenden Geschichte, ihrer geteilten Erinnerung und ihrer gegenwärtigen Versöhnung haben Franzosen und Deutsche ein außerordentliches Kapital an Erinnerung, an Praktiken und Erfahrungen, an gegenseitigem Sichergänzen und Sichdurchdringen, an Verbundenheit und Solidarität erworben, das nirgendwo anders seinesgleichen findet. Dieses Kapital verpflichtet die Gegenwart und die Zukunft, und es wäre dringend nötig, es in seinen wahren Dimensionen zu erfassen, und wäre es nur, um es nutzbringend einzusetzen und einen höheren Gewinn aus ihm zu ziehen. In ihrem Verhältnis zur Vergangenheit sind und bleiben Franzosen und Deutsche, wie übrigens auch auf den meisten anderen Gebieten, - zum Glück - grundverschieden. In ihrer Nähe und Differenz sind sie füreinander das geworden, was man mangels eines besseren Ausdrucks »vertraute Fremde«, oder, um ein deutsches Wort aufzugreifen, »fremde Freunde« nennen könnte. Wären Geschichte und Erinnerung nun endlich dabei, nachdem sie sie lange gegeneinander gestellt und gespalten haben, sie besser einander nahe zu bringen?