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Frankreich-Deutschland / Verflochtene Geschichte, geteilte Erinnerung
 

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So tief die antagonistische Spaltung der historischen Mythologien und der nationalen Formen des Imaginären beider Länder auch gewesen sein mag, ruhten diese dennoch weiterhin auf einem Sockel gemeinsamer Elemente: Held par excellence des tiefen Frankreichs bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, ist Napoleon zugleich auch eine Gestalt, die von einem bedeutenden Teil Deutschlands im 19. Jahrhundert weiterhin gewürdigt wird - angefangen bei Goethe, der bis zu seinem Tod die in Erfurt aus den Händen des Kaisers empfangene Ehrenlegion trägt, bis zum Rheinland, das den Code Civil bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts beibehält. Umgekehrt bleibt Friedrich II., König von Preußen, der - entgegen der historischen Wahrheit - vom vereinten Deutschland zum Vorkämpfer der deutschen Sache und Vorläufer ihrer künftigen Einheit gemacht wurde, noch lange für einen wichtigen Teil der französischen öffentlichen Meinung eine »linke« Identifikationsfigur, die man nach dem Beispiel Michelets als Beschützer Voltaires und der französischen Literatur und als Vorkämpfer der Aufklärung und der Toleranz feiert.

In beiden Ländern sind die Orte der geteilten Erinnerung (im doppelten Sinn des Wortes, das heißt als gemeinsame und als antagonistische) ohne Zahl. Die ersten, an die man dabei denkt, sind die Stätten blutiger deutsch-französischer Zusammenstöße, die Schlachtfelder mit Leichen und Monumenten beider Seiten - angefangen beim gewaltigen Völkerschlacht-Denkmal in Leipzig, das 1913 als maßlose Verherrlichung des Deutschtums eingeweiht wurde, jedoch auf einem Massengrab ruht, wo unterschiedslos ein Jahrhundert zuvor die Leichen der Soldaten der befeindeten Armeen hineingeworfen wurden, über die Schlachtfelder des Krieges von 1870, wo, wie in der Umgebung von Metz, französische Denkmäler oft neben den preußischen, bayerischen oder württembergischen stehen, oder die Stätten der mörderischen Kämpfe und Massenschlachten des Ersten Weltkrieges - des deutsch-französischen Kriegs par excellence - deren Boden, von Geschossen und Kämpfen umgepflügt, immer noch die vermengten Reste Hunderttausender französischer und deutscher Soldaten birgt, bis zu den Schlachtfeldern des letzten Krieges und mehr noch den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazizeit. Zwei berühmte Schauplätze können in dieser Hinsicht als Muster dienen: Verdun einerseits, Stätte des mörderischsten Aufeinanderprallens von Franzosen und Deutschen, die vom Ende des Ersten Weltkrieges an zum Ort der ersten gemeinsamen Treffen ehemaliger Frontsoldaten wurde und siebzig Jahre später zu dem des bewegenden Händedrucks zwischen dem Präsidenten Mitterrand und dem Kanzler Kohl; Reims andererseits, mit seiner Kathedrale der Krönung und Salbung der Könige Frankreichs, die im Ersten Weltrieg von der deutschen Artillerie stark beschädigt wurde, dann mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945, aber auch mit dem Hochamt, das unter den Bögen der Kathedrale General de Gaulle und den Kanzler Adenauer vereinte, kurz nach der Unterzeichnung des Élyséevertrages von 1963.

Neben den Stätten blutiger Auseinandersetzungen kann man auch die umstrittenen Orte erwähnen, die einst oder heute für die Erinnerung und Identität eines jeden unserer Länder emblematische Bedeutung haben. Das eindrucksvollste Beispiel dafür, verknüpft mit den stärksten affektiven, symbolischen und imaginären Vorstellungen, ist unbestritten Straßburg: Hier stand der junge Goethe, Student der Universität, verzaubert vor dem Münster, hier offVenbarte sich ihm die Gotik als Ausdruck deutscher Kunst und Architektur schlechthin; für Generationen von Deutschen war Straßburg auch die wunderbare und tragische Stadt des Volksliedes »Oh Straßburg, oh Straßburg, du wunderschöne Stadt, darinnen liegt begraben so mannicher Soldat«.

Im französischen Gedächtnis ist Straßburg jedoch zuerst die Stadt, wo Rouget de l'Isle, Gast des Bürgermeisters Dietrich, im Schatten des Münsters die Marseillaise komponierte, die Stadt Klebers, die der heldenhaften Belagerung von 1870, des fröhlichen Sichwiederfindens von 1918, schließlich die Stadt von Leclercs Schwur von Koufra und des Vorwärtsstürmens der zweiten Panzerdivision. Für alle ist sie heute die Stadt des Europäischen Parlaments.

Und schließlich sind in Frankreich wie in Deutschland das Nachbarland, seine Kultur und seine Geschichte an den Erinnerungsorten der Hauptstädte überall gegenwärtig. Von allen deutschen Städten ist Berlin einst wie heute mit Abstand die französischste Stadt - von den Orten und Monumenten und Institutionen, die die Erinnerung an die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes geflohenen Hugenotten wach halten (Französische Straße, Französischer Dom, Französische Schule) über die Denkmäler die Preußens Siege über Frankreich feiern (Pariser Platz, Denkmal auf dem Kreuzberg, Siegessäule) bis zu den Baustellen des neuen, wiedererstehenden Berlins und den Werken der französischen Architekten Nouvel, Perrault und Portzamparc. Auf den ersten Blick unauffälliger, ist der Bezug auf Deutschland in Paris nicht weniger präsent - ob es sich um Straßennamen handelt (avenue d'Iéna, rue d'Ulm), die vom Architekten Hittorf gebauten Bahnhöfe Gare de l'Est und Gare du Nord (dem man auch die Gestaltung des Place de la Concorde verdankt) oder um das Grab Heines auf dem Friedhof Montmartre - oder auch, in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, um Versailles und sein Schloß, das am gleichen Ort die Erinnerung an die Feste des Sonnenkönigs, an die Siege Napoleons, an die Ausrufung des Bismarckschen Reiches und an die Verträge von 1919 und 1920 zusammenfaßt.

Die wichtigste Erinnerung jedoch, jenseits der Orte und Denkmäler, ist die lebendige Erinnerung der Individuen und Familien. Zunächst die Erinnerung der älteren Generationen, die vom Krieg und von der Besatzung, der Gefangenschaft und der Deportation, den Kämpfen und der Trauer zutiefst gekennzeichnet sind. Von Generation zu Generation weitergegeben, von Gefühlen und Leid beladen, ist dieses Gedächtnis keineswegs auf die Erinnerung an Feindseligkeiten und Demütigungen, an Haß und Rache beschränkt, sondern häufiger, als man glaubt, mit der Entdeckung des Gegners in seiner Menschlichkeit verbunden - sei er, wie im »Schweigen des Meeres« von Vercors der zivilisierte Besatzer, für den man sich aus Patriotismus und Würde die geringste Sympathie verbietet, oder, im Gegenteil, in der »Großen Illusion« von Renoir, die Bäuerin aus dem Schwarzwald, deren Mann in Douaumont gefallen war, die geflohene französische Kriegsgefangene aufnimmt und schützt und in die Jean Gabin sich verliebt. Für die jüngeren Generationen ist diese Erinnerung vielmehr die der Ferienaufenthalte und Jugendlager, der Partnerschaften und des Schüleraustauschs, der Begegnungen und Freundschaften, vor allem in der Bundesrepublik, doch auch in der ehemaligen Ddr; sie besteht aus neuen Wahrnehmungen, gewonnen durch diese zahlreichen Erfahrungen, doch auch aus der kritischen erneuten Lektüre, der Relativierung und Umstrukturierung der von den früheren Generationen geerbten Bilder im Lichte der Erfahrungen der Gegenwart; sie ist vor allem die von 55.000 französisch-deutschen Paaren, die zwischen 1963 und 1991 zusammenfanden, die ihrer Familien und mehr noch ihrer Kinder, die juristisch zweistaatlich und kulturell zweisprachig sind und, jeder auf seine Weise, im Alltagsleben Identitäten und Verhaltensweisen erfinden, die das Beste der jeweiligen Traditionen, deren Erben sie sind, integrieren.