Alles ändert sich allerdings gründlich mit der Radikalisierung der Revolution 1792 und der Flucht nach vorn in einen bis 1815 fast ununterbrochenen Krieg. Bekannt ist das berühmte Wort Goethes, der - dreißig Jahre nach dem Ereignis und mit der Hellsichtigkeit des Rückblicks - von der Kanonade von Valmy, deren Zeuge er gewesen war, sagte, von »hier aus beginnt eine neue Epoche der Weltgeschichte«. Von diesem Zeitpunkt an sind die deutschen Lande in der Tat unmittelbar von einer Revolution betroffen, die für sie Synonym von Krieg, Besetzung und Umwälzungen der Strukturen ist. Ja mehr noch: Genau von dem Augenblick an, da Frankreich mit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire aus der eigentlichen Revolution heraustritt (»Bürger«, erklärt Bonaparte einige Tage später, »die Revolution bleibt bei den Prinzipien, mit denen sie begann. Sie ist beendet.«) kommt die Revolution, vorwärtsgetragen von dem, den Heine als »Bannerträger der Demokratie« bezeichnet hatte, erst wirklich nach Deutschland, zeichnet seine politische Karte völlig neu durch Annexionen, Aufhebungen und Umbildungen, beutet es systematisch aus (»die Fürsten und Staaten Deutschlands«, gesteht Napoleon anläßlich der Gründung des Rheinbundes 1806, »müssen die Leutnants und sozusagen die Kontinentalkolonien des französischen Kaiserreiches sein«) und unterwirft Deutschland Strukturreformen - nicht nur politischen und administrativen, sondern auch juristischen und sozialen - die de facto allesamt einen Bruch mit dem Ancien Régime bedeuten und mit der Zeit ebenso tiefe Wirkungen auf die deutsche Gesellschaft haben, wie sie auf die französische hatten.
Zweideutiges Erbe - nachzuahmendes Modell, empfehlenswertes Beispiel, aufzuklärendes Rätsel oder zu bannender Skandal -, nach 1815 hört die Revolution für die Deutschen ebenso wenig wie für die Franzosen auf, sie zu beschäftigen, so sehr, daß das auf die Niederlage Napoleons und die Wiener Verträge folgende halbe Jahrhundert als Deutsclands »französische Periode« betrachtet werden kann. »Ob positiv oder negativ wahrgenommen, die Dynamik der französischen Auseinandersetzungen und Ereignisse haben«, wie Jacques Revel zurecht bemerkt, »die deutschen Konflikte zutiefst geprägt, haben sie geformt, haben ihnen eine neue Richtung gegeben und die entscheidenden Streitpunkte geliefert, um die sich die Diskussion in Deutschland polarisierte.« Für die Deutschen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist Paris die »Kulturhauptstadt«, die die deutsche geistige Elite anzieht - von Heine bis Börne und Marx - und 1830, mehr noch jedoch 1848, das Signal und das Vorbild für die großen europäischen Erschütterungen liefert.
Daraus ergibt sich das paradoxe Ergebnis dieser verflochtenen Geschichte, die in der Revolution ihre gemeinsame Matrix findet: In dem Maße, wie die Auswirkung der Revolution in beiden Ländern ebenso tief wie verschieden war, hat diese sie nicht einander näher gebracht, sondern im Gegenteil mehr als ein Jahrhundert lang dazu beigetragen, sie auseinander zu bringen. Verschieden aufgenommen und erlebt, steht die Revolution auch am Anfang der jahrhundertlangen Konfrontation, in der das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, als unmittelbare und dann ferne Erben der revolutionären Erschütterung, eine »Erbfeindschaft« sehen wollten.
Drittel des 19. Jahrhunderts und mehr noch unter dem Second Empire an: das frühe Interesse von Victor Cousin und Edgar Quinet, François Guizot und Jules Michelet für die deutsche Philosophie, Sprachwissenschaft und Geschichtsschreibung bezeugen es ebenso wie die Bemühungen Victor Duruys, Minister für das Unterrichtswesen unter Napoleon III., die Schwächen und den Rückstand des französischen Bildungssystems durch Anregungen aus dem deutschen Modell zu beseitigen. Das führte insbesondere 1868 zur Gründung der École Pratique des Hautes Études als französischer Nachbildung einer deutschen Forschungsuniversität. Diese Umkehrung beschleunigt sich noch nach der Demütigung des Krieges von 1870 und der Proklamation des Bismarkschen Reiches 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles (um die Dimension der deutschen Vereinigung als Stop des französischen Einflusses auf Deutschland besser hervorzuheben) und des Frankfurter ertrages, in dem Frankreich Elsaß-Lothringen verlor. Unter dem Eindruck einer als Folge der Überlegenheit deutscher Wissenschaft und Technik interpretierten Niederlage wird Deutschland, genauer Preußen, das bis dahin über das schmeichelhafte und friedliche Bild wahrgenommen wurde, das Madame de Staël gezeichnet hatte, nun gleichzeitig zum nachzuahmenden Modell und zum Feind, von dem man sich abgrenzen muß. Die Devise lautet nunmehr »Lernen vom Feind«, um die Regenerierung des besiegten Frankreichs besser zu sichern und eine Revanche zu erreichen - so wie es Preußen nach den Niederlagen von Jena und Auerstedt dank der Reformen von Stein und Hardenberg getan hatte. Der Reformwille ist besonders auf dem Gebiet der Bildung spürbar - von dem großen Gesetzeswerk, das die allgemeine Schulpflicht einführt, bis zur Umbildung der Universitäten. Bemüht, ihren Rückstand aufzuholen, begeben sich die besten französischen Nachwuchswissenschaftler in die Schule der deutschen Forschung, insbesondere in den Altertumswissenschaften, der Geschichtswissenschaft, der politischen Ökonomie und der Sprachwissenschaft: 1892 macht der Kauf deutscher Bücher mehr als die Hälfte der Erwerbungen der Bibliothek der École Normale Supérieure aus - jener emblematischen Institution des intellektuellen und akademischen »Sonderwegs« Frankreichs, deren - Ironie der Geschichte - Gründungsprinzipien und selbst der Name deutschen Ursprungs sind! Im Philosophieunterricht, den die laizistische Dritte Republik zur Grundlage der Oberschulbildung macht, wird Kant zur maßgebenden Autorität erhoben. Das musikalische Leben schließlich richtet sich im wesentlichen nach dem Wagnerschen Vorbild - entweder in positiver Weise wie im Fall von Massenet, Franck oder Vincent d'Indy, oder, im Gegenteil, als Gegensatz zu diesem wie im Falle Debussys, dessen Ehrgeiz es war, die französische Musik von der »Wagnerschen Gefangenschaft« zu befreien und sie wieder »auf den rechten Weg zu bringen, statt darauf zu beharren, Leute nach dem Weg zu fragen, die allzu sehr daran interessiert sind, sie auf den falschen zu bringen«.