Verflochtene geschichte.
Diese Behauptung mag überraschen, sind wir doch oft noch davon überzeugt, die Geschichte der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland beschränke sich nach Jahrhunderten der »Erbfeindschaft«, der Zusammenstöße und blutigen Kriege, auf die Leistungen eines halben Jahrhunderts beispielhafter Versöhnung und Freundschaft, deren Akteure und Zeugen wir waren. Einige Betrachtungen, dem 18. und 19. Jahrhundert entlehnt, werden zeigen, daß es sich um eine irreführende Vereinfachung handelt.
Ein erstes Beispiel könnte die Vielfalt und Tiefe französischer Einflüsse auf die »Deutschländer« im Laufe des 18. Jahrhunderts sein. Ohne Zweifel am stärksten war dieser Einfluß auf dem Gebiet der Selbstdarstellung der Fürsten. Bereits seit dem Ende der Herrschaft Ludwigs XI., noch vor dem Tod des Souveräns, verbreitet sich das Modell von Versailles über das ganze Reich. Überall errichten die Territorialfürsten Prunk- oder Lustschlösser, denen sie französische Namen geben: Drei der von den Herzogen Württembergs errichteten Schlösser heißen »Solitude«, »Favorite« und »Monrepos«. Um ihre Pläne zu entwerfen und sie auszuschmücken, werden oft französische Architekten und Künstler verpflichtet: In Sans-Souci, eine einzigartige von Friedrich II. von Preußen (1713-1786) errichtete französische Enklave (in kultureller, künstlerischer und sprachlicher Hinsicht) im Herzen Brandenburgs, sind die den (natürlich französischen) Garten schmückenden Statuen der antiken Mythologie das Werk der Brüder Léopold und Sigisbert Adam; die Deckenfresken sind ebenfalls einem Franzosen zu verdanken, dem Hofmaler Antoine Pesne; Gemälde von Watteau und Lancret zieren die Hauptgalerie, aus der man auf die Gärten schaut, kurze (mittelmäßige) Gedichte französischer Sprache verzieren den Sturz der Türen zum Speisesaal; und die zauberhafte kleine runde Bibliothek im Rokokostil am Ende des rechten Schloßflügels enthält nur Bücher auf Französisch. Dieser Bezug auf französische Vorbilder, der mitunter an Unterwürfigkeit grenzt, geht einher mit einer Verbreitung französischer Literatur, deren Bedeutung gar nicht genug hervorgehoben werden kann: Ende des 18. Jahrhunderts befinden sich annähernd ein Drittel der europäischen Buchhändler, die mit Pariser Verlagshäusern Geschäftsbeziehungen unterhalten, in deutschsprachigen Städten. Und schließlich sind der Ruf und die Ausbreitung französischer Sprache und Umgangsformen im Adel und einem großen Teil des Bürgertums derart stark, daß diese oft beiden Kulturen angehören: »In Berlin war damals (d. h. in den Jahren 1770-1780)«, erzählt Friedrich August Ludwig von der Marwitz (29.5.1777-6.12.1837), »mehr noch als in anderen deutschen Städten, bei Hof und unter dem Adel die französische Sprach allgemein. (...) Ich lernte also von Kindesbeinen an Französisch mit dem Deutschen zugleich, und das eine war mir vollkommen so geläufig als das andere. In dem Hause meiner Eltern ward beständig Französisch gesprochen, wie in allen anderen zu damaliger Zeit, mit denen wir Umgang hatten.« Daß angesichts des Umfangs und der Vielfalt französischer Einflüsse auf die Deutschländer des 18. Jahrhunderts das Prestige und die Macht Frankreichs, die Ausstrahlung seiner Kultur und ihre Verbindung mit einer Herrschaftsform - dem Absolutismus -, in der sich die Mehrheit der Herrscher wiedererkannte, eine entscheidende Rolle gespielt hat, ist zu offensichtlich, als daß es ausführlicher belegt werden müßte.
Doch dabei stehen bleiben hieße nur eine Seite der Dinge zu sehen. Denn das französische »Angebot« an die Deutschländer des 18. Jahrhunderts entsprach einer besonders starken deutschen »Nachfrage«, so daß unter dem Strich die gegenseitige Befruchtung über die kulturelle Vorherrschaft hinausgeht. Weder auf dem Gebiet der Künste noch dem der Sprache noch dem der Literatur kann man behaupten, der französische »Einfluß« hätte deutsche Kulturpotentiale erstickt. Man kann sogar der Ansicht sein, französische Einflüsse waren nur dann tatsächlich wirksam - und entsprechend von Dauer -, wenn sie aktiv aufgenommen, uminterpretiert und von der deutschen Kultur integriert wurden. Als Beweis mag die Aufnahme - dank der Vermittlung hugenottischer Familien, die nach 1685 in Hessen Zuflucht suchten - der Märchen Perraults genügen, und ihre darauf folgende Verwandlung aus ursprünglich französischen in echte deutsche Märchen während eines Jahrhunderts mündlicher und familiärer Übertragung, bis zu ihrer schließlichen Entdeckung, Veröffentlichung und Verbreitung durch die Gebrüder Grimm zu Beginn des 19. Jahrhunderts als musterhafter Ausdruck deutscher Volkstradition und deutschen Kulturgeistes, frei von jeder fremden oder gelehrten Verunreinigung.
Ein zweites Beispiel könnte das der Revolution sein - als gemeinsamer Impuls für die Entwicklung beider Länder im 19. Jahrhundert. Trotz des ihr gewöhnlich zugeordneten Attributs ist sie weit davon entfernt, ausschließlich französisch zu sein, sondern im Gegenteil einer der großen Momente der gemeinsamen Geschichte Frankreichs und Deutschlands und ihrer miteinander verflochtenen Schicksale, sowohl hinsichtlich ihrer unmittelbaren Auswirkungen wie ihrer Langzeitfolgen. Von allen europäischen Ländern ist Deutschland jenes, das am nachhaltigsten von der Revolution geprägt wurde, sosehr, daß es kaum übertrieben ist zu behaupten, sie nimmt in seiner Geschichte und seiner Entwicklung einen fast ebenso wesentlichen Platz ein wie in Frankreich. Doch sie tut das mit einem derart abweichenden Zeitablauf, in anderer Weise und mit anderen Folgen, daß das gleiche gemeinsame Gründungsereignis mit der Zeit beide Länder nicht einander näher brachte, sondern im Gegenteil dazu beitrug, sie voneinander zu entfernen. In Frankreich entscheidet sich, wie man weiß, alles - oder fast alles - bereits ab 1789, in einer außerordentlich schnellen Aufeinanderfolge von Brüchen und unumkehrbaren Vorstößen - Zusammenkunft der Generalstände, Ballhausschwur, Sturm auf die Bastille, Nacht vom 4. August, »Große Furcht«, Erklärung der Menschenrechte usw. - die die politische, soziale und geistige Landschaft umwälzt. Diese Revolution, die zwar sofort ihre allgemeine Tragweite erklärt, doch zunächst zutiefst französisch bleibt und feierlich ihre friedlichen Absichten und ihren Verzicht auf Eroberungen verkündet, fasziniert Deutschland sofort: Der Widerhall, den sie dort in der Presse und den Zeitschriften findet, ist mit dem Rest Europas nicht zu vergleichen. Bereits im Sommer 1789 kommen die ersten »Pilger der Revolution« nach Paris - unter ihnen der Pädagoge Campe und sein Schüler Wilhelm von Humboldt; in Deutschland selbst verfolgt eine aufgeklärte Intelligenz mit Leidenschaft und Sympathie eine Revolution, in der sie die Bestätigung oder Verwirklichung der Werte findet, die ihr teuer sind, während das französische Beispiel die sozialen Spannungen und Kämpfe schürt und radikalisiert, obwohl sich Deutschland in seiner Tiefe nicht in einer revolutionären Situation befindet.